Alles auf Anfang

Edward Hines Laoshi und ich

Manchmal muss man sich etwas gönnen. Dieses mal waren es bei mir zwei Tage in Paris zum Lehrgang mit Luo Dexiu Laoshi. Sein Schüler Edward Hines Laoshi hatte über Facebook zu diesem Seminar eingeladen und da ich Luo Dexiu Laoshi dieses Jahr schon einmal in Köln als einen sehr guten Lehrer kennen gelernt hatte, wollte ich mir diesen Lehrgang nicht entgehen lassen. Also hab ich mich am Freitag in die Bahn gesetzt und bin die sechs Stunden nach Paris gefahren.

Am Sonnabend stand am Vormittag eine Einführung in Qi Gong und Meditation auf dem Programm. Ich hab nun schon auf Trainingscamps, als auch in verschiedenen Seminaren an Qi Gong Übungen teilgenommen, aber so habe ich bisher darüber noch kein Seminar mitgemacht. Während oft auf anderen Seminaren die Ausführung von Bewegungsabläufen steht, war dies komplett anders. Luo Dexiu Laoshi ging hier mehr auf das „warum“ und „wie“ der grundlegenden Meditationsübungen und Qi Gong Techniken ein. Nicht ohne den einen oder anderen Seitenhieb auf die verschiedenen „esoterischen-mystischen“ Ansätze des Qi Gong und deren Lehrer.

In ganz pragmatischen Übungen versuchte er den Teilnehmern dabei zu vermitteln, das die Basis der Meditation dem Fokustraining des Geistes dient. Qi Gong darüber hinaus die Möglichkeit bietet durch die einzelnen Übungen Kontakt mit einzelnen Teilen des Körpers wie Muskelgruppen und Strukturen aufzunehmen um so eine „Ganzkörperwahrnehmung“ mit der Zeit auszubilden. Erst wenn dies Basis geschaffen ist kann man sich mit den weiteren Themen, wie Meridianen usw. auseinander setzen. Somit bietet die Meditation als auch das Qi Gong die Möglichkeit die eigene Struktur zu verbessern. Eigentlich nutzen Texte wenig um Seminarinhalte zu vermitteln. Aber hier ein paar Auszüge aus dem Seminar, über das es sich meiner Meinung nach lohnt einmal Gedanken zu machen.

Atmung: Hier legte Luo Dexiu Laoshi besonderes Augenmerk auf das Ausatmen. Dies sollte entspannt und ruhig erfolgen. Der Atemrhythmus wurde bewusst verlangsamt, um mit Hilfe der Atmung tiefer in die Meditation ein zu tauchen. Der Ablauf war wie folgt: Einatmen, halten (hier meine Interpretation zur Dauer: ungefähr so lange wie es braucht um den Duft eines Räucherstäbchens wahr zu nehmen. Nicht zu lange – Meditation ist kein Apnoetauchen oder Wettkampf) langsam Ausatmen, halten (s. o.).

Focus: Beim Ausatmen den Fokus langsam vom Brustkorb zum Dantien sinken lassen. Keine Eile! Man muss nicht gleich im Dantien ankommen. Beim Einatmen die Position des Fokus halten um mit dem nächsten Ausatmen diesen wieder ein Stück sinken zu lassen.

Selbstkontrolle: Immer wieder während der Übung prüfen ob man Fokus halten konnte. Ansonsten fängt man eben wieder von vorne an. Der Einzige, den man hier Betrügen kann ist man selbst. Zu viele haben hier mehr auf Ihr Ego gehört, als genau in sich hinein zu schauen.

Dantien: Wie Xu Xi Shi Laoshi es im Zhen Wu Trainingscamp ausgeführt hatte ist das Dantien kein einzelner Punkt (Ja, liebe Akunpunkturisten ich weiß, es gibt einen Akupunkturpunkt der genauso heißt, hat aber in diesem Fall nichts damit zu tun) sondern vielmehr ein Areal, das sich ungefähr in dem Bereich zwischen Bauchnabel, Tor des Lebens (Mingmen) im Rücken und dem Punkt am Damm zwischen Anus und Genital (HuiYin) befindet.

Zunge: Die Zunge sollte den oberen Gaumen berühren. Am Anfang kurz hinter den oberen Schneidezähnen. Mit einiger Praxis wird sich der Punkt von alleine weiter nach hinten verlagern. Auch hier geht es um eine entspannte Grundhaltung – Qi Gong ist kein Wettkampf! Fortschritt kommt langsam durch Beständigkeit.

Im ganzen ein sehr entspannter Vormittag um sich dann am Nachmittag dem „Gong Li“ zu widmen.

Nach einem gemeinsamen Mittagessen in einer der vielen kleinen Lokale von Paris, bei dem Luo Dexiu Laoshi gerne auch weiterhin Fragen zur Kampfkunst beantwortete begann der Seminarnachmittag auch diesmal mit einer kleinen Einführung durch Luo Dexiu Laoshi zum Seminarthema. Dabei führte er aus, das jeder gute Stil aus Basistechniken (eben den Gong Li) weiteren darauf aufbauenden Techniken, Formen und Anwendungen besteht. Die Aufgabe der Gong Li Übungen besteht darin mit einfachen Bewegungsabläufen das sogenannte Fa Li sowie eine korrekte Struktur zu entwickeln.

Gong Li bedeutet in der Übersetzung: Kraft durch Fertigkeit (Ständige Wiederholung der Übungen – hier sei nur an die Geschichte des Kochs erinnert, der mit wenigen Schnitten ein Tier zerteilen konnte, ohne dabei eine Kerbe in den Knochen zu hinterlassen. Dschuang Dsi II. Buch)

Dabei betonte er, das leider von vielen Schülern diese Übungen als Anfängertraining missverstanden werden, das diese aber vielmehr als Basisübungen zu verstehen sind, die man eben auch üben kann, wenn aufgrund von schlechtem Wetter es einem mal nicht möglich ist anderweitig zu trainieren und deren Training auch in einem fortgeschrittenen Stadium unablässig sind. Vielmehr sei es so, das viele der weit fortgeschrittenen Lehrer sich häufig fast nur noch mit dem Training der Gong Li Übungen beschäftigen. Somit gingen wir durch unterschiedliche Übungen, die den Ji Ben Gong Übungen verschiedener anderer Stile nicht unähnlich sind.

Da ich die Übungen schriftlich nur schwer wiedergeben kann und diese in jedem Stil auch vorhanden sein sollten hier ein eine Anmerkung von Luo Dexiu Laoshi zur Übungsintensität.

Wiederholungen: Fang einfach mit 10 Wiederholungen pro Seite je Übungseinheit an. Auch hier geht es nicht um Wettkampf („Hey, ich kann 100 Wiederholungen in nur ganz kurzer Zeit machen“) Ebenso wie im Qi Gong oder der Meditation geht es hier um Selbstreflexion – welche Muskel, Sehnen, Gelenke werden wie beansprucht, wie kann durch Anspannung und Entspannung möglichst viel (Bewegungs-)kraft freigesetzt werden?

Luo Dexiu Laoshi und ich

Für den zweiten Tag stand als Inhalt eine Langstockform aus dem Xing Yi auf dem Programm. Doch was wäre ein Seminar bei Luo Dexiu Laoshi, wenn nicht auch hier erst einmal auf die Grundlagen eingehen würde. Eine Form nutzt nichts, wenn man nicht die Grundprinzipien der Waffe verstanden hat. Somit verbrachten wir zu meiner Freude den Vormittag damit uns eingehend mit dem Stock und dessen Kampfprinzipien auseinander zu setzen.

Immer wieder wies Luo Dexiu Laoshi hierbei auf die „Dangerous Paths“ hin, Wege (offene Türen) die der Gegner bei einem selbst finden kann um an zu greifen. Immer wieder ging es darum den Winkel zum Gegner zu ändern um seine „Linie“ zu stören oder gegebenenfalls Türen zu öffnen um dort den Gegner gebührend zu empfangen.

Und immer wieder Fa Li und Strukturübungen mit dem Stock. Leider hat mein guter, alte Stock dabei den Rest bekommen. Doch hat mir das wesentlich die Rückreise mit der Bahn erleichtert. Ein sehr interessanter Vormittag mit Basisarbeit und ich denke für jeden etwas zum mit nach Hause nehmen. Mehr als eine Form einem geboten hätte.

Zum Abschluss dieses Seminarteils habe ich Luo Dexiu Laoshi einmal gefragt, wozu seiner Meinung nach heute noch Waffentraining im traditionellen Kung Fu notwendig ist. Klar.. ein Stock als Verteidigungswaffe macht auch heute noch Sinn. Aber ein Schwert oder Säbel? Seiner Meinung nach dienen die Waffen heute nur noch dem Training von Kraft (Fa Li) und Focus des Geistes (I).

Auch an diesem Tag ging es zum Mittag gemeinsam in eine nahe gelegene Brasserie. Leider war Luo Dexiu Laoshi angeschlagen durch eine Erkältung und eine damit verbundene recht schlaflose Nacht nicht so gesprächig wie am Vortag. Aber als mitbekam, wie ich mich mit den Tischnachbarn kurz über Bagua Zhang und die verschiedenen Stile unterhalten habe führte er noch aus, das das heutige Bagua eigentlich nur aus zwei Gründungsstilen zurück zu führen ist – dem Yin Fu und dem Cheng Tinghua Stil. Wobei die meisten heute ausgeführten Stile eher auf Cheng Tinghua zurück zu führen sind, da dieser als erster seine Schule geöffnet und den Stil einer breiteren Masse nahegebracht hat.

Der Nachmittag war dem Bagua Zhang reserviert. Auch hier begann Luo Dexiu Laoshi mit einer Ausführung zum Bagua, dessen Konzept und dem Training.

Nach Luo Dexiu Laoshi besteht der Kern des Bagua eigentlich aus drei Techniken. Dem Single Palm Change, dem Double Palm Change und dem Overturnig Palm Change. Zusammen mit dem Konzept des ständigen Wechsels zwischen oben, unten, links, rechts, vor, zurück, langsam und schnell sowie dem Treten, Schlagen, Werfen, Hebeln lässt sich daraus eine schier unendliche Anzahl von „Techniken“ sprich Möglichkeiten entwickeln. Die Aufgabe des Baguaschülers ist es seiner Meinung nach eben mit den Möglichkeiten zu spielen (hätte nie gedacht so etwas einmal schreiben würde 😉 Aber spielen heißt hier: damit zu arbeiten und auszuprobieren). Die Übung des im Kreis gehens dient lediglich dazu den Körper (Kraft und Struktur) sowie die Aufmerksamkeit und den Geist zu trainieren. Im Kampf selbst hält er es für sinnvoller den Gegner kreisen zu lassen, als selbst irgendwelche Kreise um den Gegner zu vollführen. Auch hier wieder Winkel und Linien die man stören kann. Wie fordere ich die Aufmerksamkeit des Gegners auf einen Punkt an dem ich sicherlich nicht angreifen werde um Ihn an einer Stelle zu öffnen, wo ich hin will.

Wow! Die Ausführung war die Antwort auf die Frage, die ich ihn eigentlich nach dem Seminar stellen wollte – „Bei all den verschiedenen Baguastilen, was ist der Kern des Bagua Zhang? Wodurch hebt es sich von den anderen Stilen ab?“.

Nach einigen Übungen zum Kreisgehen (auch hier: beginne langsam, achte auf die Struktur, erhalte die Konzentration aufrecht, beobachte, erhalte deine Struktur während jeden Handwechsels). Ging es dann wieder zur Lieblingsabteilung von Luo Dexiu Laoshi auf wahrscheinlich jedem Seminar – Anwendungen, Würfe und Hebel. Sehr interessant hierbei fand ich seine Ausführungen und Anwendungsbeispiele zu Ellenbogentechniken. Hier merkte man, wie er trotz seiner angeschlagenen Gesundheit, aufblühte und dadurch sogar das Seminarende überzog.

Wiedereinmal um einige Erfahrungen und neue, sehr nette Kontakte reicher bleibt mir nun noch weiter zu üben um tiefer in das Verständnis der Kampfkunst einzutauchen.

Artikel von Edward Hines zum Seminar
http://www.i-bagua.com/luo-dexiu-september-2012-seminar-review/

Infos zur Schule von Edward Hines in Paris
[mantra-button-light url=“http://www.i-bagua.com“ target=“_blank“]http://www.i-bagua.com[/mantra-button-light]

Eben noch gefundenes Video mit einer guten Ausführung zu Bagua Zhang mit Edward Hines Laoshi sowie einigen  Beispielen aus dem Seminar.

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  1. Pingback: Luo Dexiu September 2012 Seminar review | Integral Bagua

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