Puzzelteile

Zwei Wochen Trainingscamp sind nun um und ich sitze bei einer Tasse Tee im Hotel in den Hutongs von Beijing und lasse die vergangenen Tage noch einmal Revue passieren.

Sun RuXian laoshi und ich in Metougou/Beijing

Sun RuXian laoshi und ich in Metougou/Beijing

Zusätzlich zum Anreisetag am Sonntag hatten wir noch den Montag Zeit uns von der langen Anreise zu erholen, das immer noch sehr schöne Dragon Spring Hotel zu erkunden oder uns einfach an das Klima zu gewöhnen.

Diesmal wurde ganz auf eine offizielle Eröffnungszeremonie verzichtet, wodurch wir dann auch gleich am Dienstag Morgen um 6:00 Uhr mit der ersten Qi Gong Stunde beginnen konnten. Ich fands persönlich ein wenig schade das der offizielle Eröffnungsteil wegfiel. Hat man dadurch doch das erste mal die Möglichkeit alle Lehrer und Teilnehmer zusammen zu sehen und kennen zu lernen. Da wir aber die meiste Zeit die einzigen Nichtchinesen in dem Hotel waren, konnten die anderen Teilnehmer so sehr schnell erkannt werden.

Das Vormittagstraining wurde von den Lehrern nun noch dahingehend verändert, das erst Tong Bei/Xing Yi und Bagua/Tai Ji in den ersten vier Unterrichtsstunden von 8:00-12:00 Uhr stattfanden. Der Nachmittag bestand dann aus zwei Stunden Waffentraining (14:00-16:00 Uhr) und abschliessende 45 Minuten freiem Training – dessen Teilnehmerzahl parabelartig von Campbeginn und bevorstehender Demo ab- und wieder zunahm – sowie Shuai Jiao Training, das gegen Ende aufgrund abnehmender Teilnehmerzahl ganz eingestellt wurde.

Das Camp war diesmal seitens der Lehrer wirklich super organisiert. So begann am Morgen das Qi Gong Training mit einem Übungsset, das sich besonders mit der Arbeit an Dan Tien, Ming Men, und Lao Gung beschäftigte. Angeleitet durch Zhang laoshi nahm sich dieser diesmal besonders viel Zeit viel zu erklären und die Feinheiten zu erläutern. Danach ging die eben begonnene Arbeit am Dan Tien dann im Tong Bei Workshop von Zhang laoshi weiter. Er nahm sich diesmal viel Zeit für Erklärungen. Sein Credo für dieses Camp war „You are not here to practice, you are here to learn. Practice is your homework!“. Während des Tong Bei habe ich einige wenige Blicke auf die Xing Yi Gruppe werfen können. Yu laoshi leitet die Teilnehmer hier in seine freundlich, bestimmenden Art zu immer neuen Höchstleistungen, oder vielmehr immer tieferen Stellungen an. So wie ich es mitbekommen habe hatten alle dort viel Spass und einen ordentlichen Muskelkater.

Nach Tong Bei ging es für mich dann bein Sun laoshi weiter mit Bagua. Natürlich hatte ich mich die Tage vorher schon gefragt, was er wohl unterrichten würde. Eine „Swimming body\dragon“ Form?, wie würde er mit den unterschiedlichen Kenntnisständen der Teilnehmer umgehen? Einige der Teilnehmer waren mir ja schon aus dem Camp in Portugal bekannt, wo wir die Ba Shi und Ba Da Duan durchgenommen hatten.

Und Sun laoshi weiss einen dann doch zu Überraschen. Er hatte für das Camp die „64 Hände des Liu Dekuan“ gewählt. Einem selten gelehrten Set von 8 kurzen, linearen Sets bestehend aus jeweils 8 unterschiedlichen Einzeltechniken. So hatten wir von nun an für jeden Tag eine kleine Form zu lernen, die mit zunehmender Nummer aber auch immer komplexer wurden. Auch Sun laoshi nahm sich diesmal viel Zeit uns die einzelnen Anwendungen der gelernten Techniken nahe zu bringen. Ihm war es wichtig das wir verstehen warum und wie die Technik korrekt ausgeführt wird. Auch er betonte, wie wichtig unsere „Hausaufgaben“ sind. Er könne uns nur Anregungen geben. Das Arbeiten an der Form oder den einzelnen Techniken wäre dann  unsere Aufgabe.

Nach einem ausgedehnten Mittagessen, dass immer wieder in unterschiedlichen Restaurants der Umgebung stattfand, die die Lehrer am Abend vorher getestet hatten, begann der Nachmittag mit dem Waffentraining. Neben einer Schwertform aus dem Zi Ra Men Stil unterrichtet von Li laoshi gab hier Sun laoshi Unterricht in einer selten gelehrten Miao Dao Form aus der Ming Zeit. Gleich zu beginn des Unterichts wies Sun laoshi darauf hin, das diese Form einen reinen Anwendungscharakter hat und und keinerlei Zierelemente enthält. Und so stellte sich die Form auch dar. Getrieben durch die technischen Möglichkeiten, die sich durch das Miao Dao ergeben, schien nach einigen Tagen das Miao Dao wie von alleine durch die Form zu laufen. Auch hier unterstützte Sun laoshi den Unterricht durch anschauliche Vorstellungen der Applikationen und Konzepte, die den einzelnen Techniken zugrunde liegen.

Zum Abschluss des Tages fanden sich nun noch alle einmal zusammen um im freien Training das gelernte des Tages oder – mit fortschreitendem Camp – der Vortage nochmals gemeinsam durch zu gehen.

Gut gefallen hat mir diesmal, das die Trainingsblöcke zu 3-4-3 Tagen mit jeweils einem freien Tag für Ausflüge zusammen gestellt waren. Man merkt in der feucht-warmen Luft Chinas doch nach drei Tagen – die Konzentration und Kräfte schwinden, zudem sich bei den meisten auch die eine oder andere (Reise)krankheit eingestellt hatte.

Der Abend fand seinen Abschluss, wie auch schon in den letzten Jahren, nach dem Essen bei ein, zwei kühlen Bieren im kleinen Tempel gegenüber der Lobby. Hier traf man sich und tauschte Geschichten aus oder sprach über die Erfahrungen der letzten Tage. Bei so vielen beteiligten Nationen und Menschen ging der Gesprächsstoff nicht aus. Wie immer war es auch diesmal interessant zu sehen in wie weit sich die Menschen der einzelnen Länder von den eigenen Vorstellungen und Bildern aus den Medien unterscheiden. Auch von daher eine lehrreiche Fahrt.   Den Abschluss fand das Camp dann bei der obligatorischen Demo der gelernten Inhalte der letzten Tage. Sehr zum Stolz der anwesenden Lehrer sowie noch einiger ausgesuchter Gäste meisterten alle Teilnehmer diese mit Bravour. Leider vermissten viele der Teilnehmer die sonst in jedem Jahr bereitgestellten Camp T-Shirts, durch die die Gruppenvorführungen eigentlich immer eine schöne, optische Einheitlichkeit bekamen. Zumal die T-Shirts der einzelnen Camps schon Kultchrakter haben und auch selbst von den Lehrern in diesem Camp wieder gerne getragen wurden. Sicherlich wird es im Camp 2014 in Berlin aber wieder welche geben.

Anschliessend ging es dann gemeinsam zu „A Fun Tie“ wo bei Essen und Bier sichtlich die Anspannung des letzten Tages von den Teilnehmern wich.

Wiedereinmal hat sich mein Erfahrungsschatz in der traditionellen chinesischen Kampfkunst mit diesem Camp erweitert. Durch die Dan Tien Übungen aus dem Qi Gong sowie der weiteren Arbeit damit im Tong Bei, Bagua und dem Miao Dao,den Erläuterungen zu Anwendungen und Techniken haben sich wieder Puzzelteile hinzugefügt. Als ich vor einigen Jahren das erste mal das Bild von Puzzelteilen als Assoziation zur Lehre der Martial Arts herangezogen hatte, wusste ich noch nicht welches Bild sich später einmal aus all den Teilen ergeben wird. Doch langsam wird es mir immer klarer. Es wird ein Bild von mir selbst.

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