Eins zu zwei zu drei zu tausend

Am Wochenende vom 27.04-28.04.2013 hatte Edward Hines Laoshi zu einem Seminar mit Tim Cartmell Laoshi in seine Bagua Schule in Paris eingeladen.

Tim Cartmell

Tim Cartmell laoshi und ich

Mir war Tim Cartmell Laoshi durch seine zahlreichen Veröffentlichungen zum Thema Martial Arts bekannt. Besonders sein Buch „Effortless combat throws“ hatte mich schon länger begeistert. Nun sollten eben dieser Lehrer nach Paris komen um ein Seminar speziel zu Würfen aus dem Bagua und weiteren inneren Kampfkünsten abzuhalten. Klar, das ich mir diese Möglichkeit Tim Cartmell Laoshi kennen zu lernen und meine Kenntnisse im Bagua zu verbessern  nicht entgehen lassen konnte.

Am ersten Seminartag hatten sich ca. 20 Teilnehmer aus ganz Europa in der eigens hierfür angemieteten Halle den Kikentai Dojo in Paris eingefunden. Ein sehr schöner, großer Raum, der komplett mit Matten ausgelegt war.

Tim Cartmell Laoshi begann sein Seminar mit einer Einführung zum Thema Struktur und Ausrichtung (Alignment).

Ausgehend von der durch die Evolution entstandenen Struktur unseres Körpers (Lage der Knochen, Position und Ausrichtung der Muskeln und Sehnen) sind wir in der Lage ohne größeren Aufwand aufrecht zu stehen. Ein Zustand der in der chinesischen Kampfkunst „Wu Ji“ (das große ganze, das ganze Eine) genannt wird.

Beginnt man nun mit einer Bewegung sich aus dem Wu Ji heraus (ein Beispiel wäre hier die San Ti Stellung aus dem Xing Yi) beginnen nun verschiedene Kräfte auf unser Struktur einzuwirken. Das Wu Ji wird durch die Teilung zu Ying und Yang.

Mit Hilfe verschiedener Übungen versuchte nun Tim Cartmell Laoshi bei den Teilnehmen eine Wahrnehmung für die eigene Struktur und Ausrichtung zu erzeugen. Immer wieder wurde auch durch kleine Änderungen eine Position erzeugt, in der die eigene Struktur nicht zum „tragen“ kommen konnte – eben wie eine wissenschaftliche „Nullprobe“, um das eben Gelernte zu vertiefen.

Nun ging es nach den Strukturübungen weiter mit den drei Bewegungsachsen unseres Körpers. Zu jeder Bewegungsachse gab es Einzelübungen, um den Fokus einmal genau auf die einzelne Achse und die damit verbundenen Möglichkeiten und Unmöglichkeiten zu lenken. Neben den Ausführungen zu den Trainingsmöglichkeiten verwies Tim Cartmell Laoshi auch immer wieder auf die entsprechenden Begriffe aus der chinesischen Kampfkunst. So bildet z. B. Der Schnittpunkt der drei Bewegungsachsen im chinesischen den Begriff des „Dan Tien“.

Auch wies er während seiner Ausführungen immer wieder auf die Wichtigkeit des Bereiches um die Hüften (das Kua) in der chinesischen Kampfkunst hin. Der Bereich, der steuert und die Kraft entwickelt.

Das Interessante hierbei war einmal die ganzen, oft esoterisch aufgeladenen Begriffe, die bei uns aus der chinesischen Kampfkunst kursieren hier einmal mit einer ganz praktischen Entsprechung – eben aus der chinesischen Kampkunst – kennen zu lernen. Die Chinesen sind eben doch sehr praktisch veranlagt, nur in ihren textlichen Ausführungen manchmal für unsere Kultur zu blumig, nebulös und unverständlich. Manchmal, so betonte Tim Cartmell Laoshi auch, gebe es einfach für einen chinesischen Begriff auch keine adäquate Überstzung, da dieser eine Tätigkeit, das damit verbundene Gefühl und die Ausrichtung/Position beschreibt.

Nachdem nun die Grundlagen geschaffen waren, konnten wir mit den ersten Übungen zu den Würfen beginnen. Der Gegner schlägt, wir blocken, der geblockte Arm wird weitergeleitet und wir versuchen hierdurch in den Rücken des Gegners zu kommen. Also aus einer 50/50 Chance versuchen einen Vorteil zu erlangen.

Hier wies Tim Cartmell Laoshi darauf hin, wie wichtig dieses Konzept für die Kampfkunst ist.

Stehen sich zwei Gegner gegenüber ist die Chance sehr groß, das schlicht der stärkere gewinnt. Das ist dann eben Kampf. Die Idee der Kampfkunst sei es aber, zu versuchen als schwächerer, oder eben mit möglichst wenig Aufwand, als Sieger aus einer solchen Situation hervorzugehen.

Nach einer angenehmen Mittagspause in einem Restaurant ging es nun an diesem ersten Tag weiter mit den verschiedenen Würfen aus den inneren Stilen. Immer begann die Aktion, mit der am Vormittag geübten Eingangsituation. Manchmal wurde diese leicht variiert, manchmal hatte der Gegner Glück und konnte sich aus unserem Ansatz zum Wurf lösen.

Auch hier betonte Tim Cartmell Laoshi wie wichtig es hierbei ist immer wieder aus einer misslungenen Situation einen Vorteil zu erarbeiten, in dem wir versuchen auf die Rückseite unseres Gegners zu kommen.

Gewürzt wurden die einzelnen Aktionen durch Würfe aus den verschiedenen inneren Stilen. Häufig auch mit Hinweisen, wo sich diese Würfe als Anwendung in einzelnen Positionen oder Bewegungnen der verschiedenen Formen der einzelnen Stile verbergen. Immer wieder wies Tim Cartmell Laoshi bei den einzelnen Situationen darauf hin, wo wir bei unserem Gegner nicht versuchen bräuchten zu drücken oder zu werfen, da dieser hier in eine stabile Position eingenommen hat, oder schnell einnehmen könnte. Wie schnell aber diese Position mit einer kleinen Winkeländerung oder einer kleinen Bewegung für unseren Gegner extrem instabil und gefährlich wird.

Wenn man diese Prinzipien beherzige, sollten wir nun zukünftig damit beginnen unsere Formen und Techniken eben nach diesen Konzepten zu untersuchen und zu betrachten. Denn diese wären allen Stilen der chinesischen Kampfkunst gemein.   Nach einem „verworfenen“ Tag ging es dann abends gemeinsam mit der ganzen Gruppe noch zum Essen in einem kleinen chinesischen Restaurant. Das beste authentische, chinesische Essen, das sich seit langem ausserhalb Chinas bekommen habe. Vielen Dank hierbei an Edward Hines Laoshi für die Auswahl der Lokalität. Tim Cartmell Laoshi erwies sich während des Essens als gradezu bodenlose Informationsquelle. Gerne beantwortete er alle Fragen der Teilnehmer zur Kampfkunst und seinem Werdegang  an diesem Abend.

Für den Vormittag des zweiten Tages waren Übungen zur Kondition und Bewegungsverbesserung vorgesehen. Auch hier betonte Tim Cartmell Laoshi, das es weniger um eine möglichst hohe Wiederhohlungszahl bei den einzelnen Übungen geht, als vielmehr die korrekte Ausführung unter der Berücksichtigung der eigenen Struktur und Ausrichtung, sowie der Möglichkeiten hinsichtlich des eigenen Trainingsstandes und Bewegungsradiusses.

Wie er im Vorwege des Vormittags angekündigt hatte wurden die einzelnen Übungen nach und nach schwieriger. Nicht unbedingt wegen des Kraftaufwandes, sondern vielmehr wegen ihrer Anforderung hinsichtlich der Koordination der Bewegung. Nach einigen Basisübungen ging es dann auch bald zu Übungen aus dem Bodenkampf (Brasilian Jiu Jitsu) die Spezialität von Tim Cartmell Laoshi über. Er sollte Recht behalten mit seiner Ankündigung: Was bei ihm so einfach, flüssig, geschmeidig und koordiniert aussah, musste bei mir nach und nach mehr den Eindruck eines groben Klotz hinterlassen haben.   Nichts desto trotz hat es aber eine Menge Spass gemacht und viel Schweiss gefördert. So werden doch die Eine oder Andere Übung mit in mein Repertoire einfliessen und so mein eigenes Training ergänzen.

Nach der Mittagspause, die uns ausreichend Zeit zum Verdauen gegeben hat, ging es mit einer kurzen Wiederholung der Techniken vom Vortag weiter. Tim Cartmell Laoshi erläuterte nun noch die Aspekte von Distanz und Informationen, die man dem Gegner durch seine eigenen Handlungen gibt, oder eben nicht gibt.

Nachdem wir am Vortag nur den Eingang mit einem Block innen geübt hatten wurden nun noch Eingänge mit einem Block von aussen, sowie einem Angriff über Kreuz behandelt. Immer wieder der Hinweis darauf, wo wir bei den einzelnen Situationen im Vorteil liegen und wo der Nachteil sein kann.   Nachdem wir nun die Eingangsituation vom Vortag immer weiter ausgebaut hatten – der Gegner hat sich immer wieder aus der Situation lösen können, wir sind mit neuen Versuchen hinterhergegangen, die Techniken wurden komplexer und man ertappte sich ums eine oder andere Mal dabei, wie man die Technik kopierte, aber die Prinzipen dahinter nicht beachtete – kamen wir zu einem Punkt in dem wir wieder zu der Ausgangsituation des Vortags zurück gekommen waren.

„Und nun“ sagte Tim Cartmell Laoshi „könnt ihr Anfangen die veschiedenen Anwendungen miteinander zu kombinieren und habt nun eine unendliche Anzahl von Möglichkeiten, wenn Ihr die Prinzipien berücksichtigt.“

Mein Dank geht diesmal besonders an Andi, der aus Hannover mit zum Seminar gekommen war und mit dem ich einen tollen Trainingspartner über die zwei Tage hatte. Wir haben uns gegenseitig die Zeit gelassen, die Anwendungen zu Üben und zu „Erfahren“. Denn wie Tim Cartmell Laoshi zu Anfang des Seminars kurz erklärte: „Wenn Ihr Euch bei den Übungen anstrengen müsst, oder irgendwie ‚Gewalt‘ benötigt, oder etwas ‚erzwingen‘ müsst,  um den Partner zu werfen – dann könnt ihr sicher sein – Ihr macht es falsch.“

Ich habe Tim Cartmell Laoshi währnd den zwei Tagen als einen echten Ausnahmekampfkünstler kennen gelernt. Einer der die taditionellen chinesischen Kampfkünste über die Jahre aus dem Blickwinkel der Kampfkunst und Anwendbarkeit analysiert hat. Ein sehr guter Pädagoge, der es mit seiner freundlichen und enthusiastischen Art schafft wohl jeden Teilnehmer übe das ganze Seminar zu motivieren.

Aktuell gibt es wohl Planungen Tim Cartmell Laoshi zu einem Seminar nach Deutschland einzuladen. Sofern ihr die Möglichkeit habt daran Teil zu nehmen, lasst es Euch nicht entgehen.

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One Response to Eins zu zwei zu drei zu tausend

  1. andi says:

    Hey Markus,
    war mir ein Vergnügen. War wirklich ein tolles Seminar und ich bin gespannt auf nächstes Jahr.
    Bis bald im Park zur Wiederholung und Vertiefung des Gelernten.

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