Zwischenbetrachtung

kampfkunstGut 10 Jahre ist es nun her, das ich wieder angefangen habe mich mit den Chinesischen Kampfkünsten zu beschäftigen. Eigentlich Zeit sich mal mit einer kleinen Zwischenbetrachtung zu beschäftigen. Was hat sich getan? Welche Erfahrungen habe ich gemacht? Welche Fortschritte habe ich wahrgenommen?

Ich wollte diesen Blog betreiben, um andere an meiner Entwicklung teilhaben zu lassen. Dies will ich in den folgenden Zeilen einmal versuchen zu tun.

 

Wo Beginnen?

„Don’t try to cheat me.. You are only cheating yourself.“  Mike Martello laoshi

Ich will hier direkt bei meinem ersten Zusammentreffen mit Mike Martello laoshi beginnen. Eine glückliche Fügung, die meine Sicht auf die traditionellen Chinesischen Kampfkünste nachhaltig verändert hat. Ich hatte leider nur wenige Gelegenheiten von ihm zu lernen, aber eben von diesen Zusammentreffen ist der erste, stärkste Einfluss auf mein heutiges Training ausgegangen.

Es war dieser Moment in einem Seminar in dem ich ob meiner Unbeweglichkeit beim Stretchen von mir unbemerkt leicht in die Knie ging, um beim nach vorne Beugen doch den Boden zu erreichen. Mike Martello laoshi wies mich, wie ich damals fand recht harsch, zurecht und legte damit einen Grundstein für mein weiteres Training.

Ich muss niemandem gefallen. Ich muss nur versuchen besser zu werden. Ehrlichkeit zu sich selbst ist heute ein wichtiger Aspekt meines Trainings. Etwas das ich auch auf meine Reisen nach China kennenlernen durfte. Dort verurteilt man dich nicht wenn du etwas nicht kannst, solange du übst und daran arbeitest.

Da ich nun wegen der täglichen Arbeit meist zu faul war noch abends mich zu einem Training aufzuraffen, hatte ich kurzerhand begonnen mich morgens jeweils für circa eine Stunde in den Park zu begeben. Da begann ich die Übungen, die von den Seminaren mitgenommen hatte durch zu gehen.

Diese basierten am Anfang überwiegend auf verschiedenen Qi Gong Sets. Hierbei kam mir irgendwann dann auch die folgende Idee:

Ich hatte viel über Qi Gong und Chi gelesen und die Effekte die damit einher gehen sollen. Lange hatte ich bei allen Übungen versucht genau diese Effekte zu erreichen. Dieses Chi-Feeling und so. Oft war ich der Meinung auch irgend etwas erreicht zu haben.

Eines Tages stand ich da wieder so in der klassischen Zhan Zhuang Position und dachte wieder an die Worte von Mike Martello laoshi.

Von da an nahm ich mir vor die ganze Sache einfach als wissenschaftliches Experiment anzusehen.

Ich versuchte nicht mehr etwas zu erreichen, sondern stellte mich einfach hin und hab abgewartet, ob und was eigentlich passiert. Auch diese Idee begleitet mich heute immer bei meinem Training.

Das morgendliche Training habe ich fast täglich über mehrere Jahre durchgehalten. Durch meine verschiedenen Besuche auf den unterschiedlichen Seminaren wurden die Übungen immer umfangreicher. Das führte in den letzten Jahren dazu, das ich immer gegen Mittag auf der Arbeit sehr müde wurde. Also habe ich mein Training dann in die Abendstunden verlegt.

Ein paar Anmerkungen zum Training in einem Park: Erstaunlicherweise regnet es morgens seltener als abends.
Training unter 0°C macht nicht wirklich Spaß. Zu viele Klamotten behindern in der Bewegung und es ist einfach scheiß kalt.

Trotzdem kann ich nur jedem empfehlen sein persönliches Training in einen Park zu verlegen.
Außerhalb der sicheren Umgebung einer Trainingshalle werdet ihr mit einer Menge Dinge konfrontiert, die die persönliche Entwicklung nur fördern können.

Zu aller erst natürlich frische Luft und die Natur. Ihr bekommt zum Beispiel eine direktere Erfahrung der Jahreszeiten.
Dazu kommen die unzähligen Auseinandersetzungen mit den anderen Parknutzern. Von blöden Anmachen wie „hey Bruce Lee!“ , über kurzen Checks ob Eurer Möglichkeiten mit ein paar übereifrigen Kids, bis hin zu den anerkennenden Blicken derer, die es einfach gut finden, das ihr trainiert.

Bei mir ging das in den ersten Jahren von „Was soll das bringen was Du da machst?“ bis zu heute zu „Unterrichtest Du auch?“. Früher eher das Erstere, heute mehr das Letztere.
Ich hatte in den letzten Jahren viele tolle und auch nervige Begebenheiten.
Die nervigen beginne ich zu akzeptieren und die tollen Begebenheiten genieße ich.

Was ist passiert?

„I was a slow and clumsy learner and caught only but one tenth of my masters teachings.“ Wang Shujin

Ich brauche etwas länger, um etwas zu begreifen. Dessen musste ich mir in den letzten Jahren bewusst werden. Oft hatte ich das Gefühl vorangekommen zu sein, um dann wieder von vorne anzufangen.

Das Lernen findet nicht linear statt. Gerne wird das Erlernen chinesischer Kampfkünste mit dem Aufstieg auf einen Berg verglichen. Mir fehlt leider auch ein besserer Vergleich, da dies impliziert, das es ein Ende, eine Spitze gibt, die erreichbar wäre. Vielleicht fällt es unserem Geist – oder manchmal auch Ego – schwer eine Unendlichkeit zu akzeptieren.

Der Prozess des Lernens oder vielmehr des Verstehens hat aber schon eine gewisse Ähnlichkeit damit.

Lange passiert eigentlich nichts. Training, Training und nochmals Training. Ein wenig so als würde der Weg über eine lange ausgedehnte Steppe führen. Irgendwann kommt aber mit einmal ein Punkt an dem sich ein Gefühl einstellt, als wäre eine Anhöhe erklommen worden.

Bewegungen, die vorher nur mit Mühe ausgeführt wurden fallen leichter, oder beim Lernen neuer Formen fällt es leichter die Bewegungen nach zu vollziehen und sich zu merken. Es gibt dafür sicherlich viele verschiedene Anzeichen und diese sind eben ganz individuell.

Bei mir sind es kleine Dinge, die ich wahrgenommen habe.

Früher hab ich immer beim spontanen Loslaufen im ersten Schritt erst einmal abgestoppt. Eines Tages habe ich beim überqueren einer Straße festgestellt, das ich einfach losgelaufen bin. Ohne eben beim ersten Schritt einen Stopp einzulegen. Das ist heute für mich normal.

Ich stehe mir seltener selbst im Weg. Viele Techniken waren früher mit einer gewissen Art von Anspannung verbunden. Ich wollte „hart“ sein. Heute passiert es mir immer öfter, das ich beim Üben das Gefühl habe, die Bewegung aus einer natürlichen Abfolge heraus auszuführen. Es fühlt sich „flüssiger“ an. Dazu wurden die Techniken härter, schneller und kommen „auf den Punkt“. Das ist nicht immer so, aber es passiert immer häufiger.

Wie geht’s weiter?

„Teachers open the door, but you must enter by yourself“ Chinesisches Sprichwort

Ich habe sehr gute Erfahrungen damit gemacht mir verschiedene Lehrer und deren Lehren in Seminaren anzuschauen. In den letzten Jahren durfte ich an tollen Seminaren aus den unterschiedlichsten Kampfkunst- und auch Kampfsportbereichen teilnehmen. Dies hat dazu geführt, das ich ein umfangreicheres Bild der chinesischen Kampfkünste bekommen habe, als ich es mit 20 Jahren hatte.

War damals meine Vorstellung eher durch die unzähligen Kung Fu Filme geprägt, empfinde ich heute chinesische Kampfkunst als eine Bereicherung meines Alltags.
Ich gehe abends eine Stunde oder mehr nach der Arbeit in den Park um zu trainieren. Momente die ich nicht missen möchte.

Aktuell arbeite ich daran einige schlechte Angewohnheiten zu beseitigen. Durch meine Größe von 1,89 m neige ich dazu eher nach unten zu schauen. Dies versuche ich zu beheben. Es gibt aber noch eine Menge Dinge die ich verbessern kann. Wie oben schon erwähnt ist der Weg im Kung Fu eher unendlich.

Hier noch ein paar Tipps zum Abschluss:

Lächle: Versuche jedes Training so zu beenden, das Du lächelst. Das macht es einfacher sich am nächsten Tag aufzuraffen.

Mach was Du nicht kannst: In den Übungen die ich in den letzten Jahren gelernt habe gab es einige, die mir gleich zu Anfang gut lagen und welche, die ich am Anfang nicht verstanden habe oder nur schwer ausführen konnte.

Das Erfolgserlebnis hinter eine Bewegung zu kommen, die einem nicht liegt ist weit einprägsamer als bei einer die man meint zu kennen.

Übe kontinuierlich: Mach einfach weiter. Es gibt gute Tage und schlechte Tage. Mach an schlechten Tagen nicht zu viel. Überfordere Dich nicht. Du wirst merken von da an gibt es mehr gute Tage. Alles braucht nun mal seine Zeit.

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